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Realsozialistische Industriearbeiterkulturen am Balkan

Die Stahlwerke von Elbasan (Albanien) und Kremikovci (Bulgarien) als
Schauplatz kommunistischer Vergesellschaftung

Dieses Vorhaben zielt auf die vergleichende Analyse von Industriearbeiterkulturen in Albanien und Bulgarien während des Realsozialismus. Als besonders relevante und aufschlussreiche Fallstudien wurden zwei Stahlwerke ausgewählt: Kremikovci nahe Sofias in Bulgarien und das Stahlwerk Elbasan in Albanien. Bei beiden Kombinaten handelte es sich vor der Wende um den jeweils größten Industriebetrieb im Land – mit rund 25 000 Beschäftigten in Kremikovci und 12 000 in Elbasan. Die beiden Stahlwerke spielten eine wichtige Rolle für die Industrialisierungspolitik der Kommunisten Bulgariens und Albaniens, die ihnen zudem eine enorme ideologisch-symbolische Bedeutung beimaßen: Die Kombinate manifestierten nicht nur den erhofften Modernisierungsdurchbruch, sondern sie sollten als Inkubinator eines modernen Proletariats, des „Neuen Menschen“ fungieren.
Diesen letzten Aspekt fokussiert das beantragte Projekt, wobei es die Perspektive von dem Blick „von oben“ auf die Ebene der Arbeiter und Arbeiterinnen in den beiden Betrieben lenken wird. Die zentrale Frage ist, welche Formen von Arbeiterkultur und welche Arbeitsbeziehungen sich ausgebildet haben, wobei die Identifikationen und Sinngebungen der Arbeiterschaft, ihre Binnendifferenzen, ihre Handlungsspielräume ebenso wie ihre kulturellen Ausdrucksformen untersucht werden sollen.
Zur Analyse dieses Themenkomplexes wird es auch notwendig sein, sowohl die ökonomischen Aspekte der Entwicklung der beiden Stahlwerke als auch die politisch-ideologischen Interventionen in das Leben der Arbeiter und die Versuche, ihren Habitus zu formen, zu berücksichtigen; die Lebensweise der Arbeiter kann nicht verstanden werden, wenn nicht auch auf den Einfluss der Herrschenden (Partei, Staat, Betriebsleitung) auf ihre Lebensläufe eingegangen wird, noch zumal in einem diktatorischen System, das klare Vorstellungen davon hatte, wie sich die Arbeiter zu verhalten haben. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Eröffnung der Stahlwerke (Kremikovci 1963, Elbasan 1976) bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft. In einem Epilog werden auch die Erinnerungen der (ehemaligen) Arbeiter an die Zeit des Realsozialismus behandelt.

                        

Mit seinen Fragestellungen betritt das Projekt völliges Neuland; in Südosteuropa gibt es keine moderne Arbeitergeschichte, und insgesamt stellt die Sozialgeschichte des Realsozialismus in Südosteuropa nach wie vor ein Desideratum dar – insbesondere in Albanien, wo sie gänzlich unerforscht ist. Methodologisch orientiert sich das Projekt an Zugängen der historischen Anthropologie und der neueren Sozialgeschichte Ein wichtiges Konzept zur Interpretation der empirischen Befunde wird jenes des „Eigen-Sinns“ sein. Thematisch reiht sich das Projekt in Arbeiten zur „sozialistischen“ Industriearbeiterschaft in anderen Ländern ein, wobei insbesondere die Studien über „sozialistische Städte“ von Bedeutung sind, denn ähnlich wie diese waren auch die Stahlwerke in Kremikovci und Elbasan „Mikrokosmen“ sowie „Großbaustellen“ des Kommunismus. Methodisch basiert das Projekt auf einer Kombination der Auswertung von Archivquellen, der Analyse von publizierten Materialien sowie der Interpretation von Interviews und Ego-Dokumenten.


Projektleiter:
Prof. Dr. Ulf Brunnbauer 


Projektmitarbeiter:
Visar Nonaj, M. A.
Dr. Biljana Raeva 


Laufzeit: Oktober 2011–September 2013

Gefördert durch die